18.02.2016

Immobilien-Hype nicht nur in Deutschland – London zieht Milliardäre an

480 Pfund, umgerechnet 720 Euro Monatsmiete für ein Zimmer im zentralen Londoner Stadtteil Bethnal Green: Das klang für Joe Peduzzi, der gerade erst einen Job in London gefunden hatte, nach einem fairen Angebot. Doch bei der Besichtigung glaubte er, dass es sich nur um einen schlechten Scherz handeln müsse. Denn das Zimmer entpuppte sich als winziger Holzverschlag hinter dem Sofa, der wiederum in einem größeren Zimmer stand, welches freilich nicht mehr zum Mietangebot gehörte. Die ständig steigenden Miet- und Immobilienpreise in der britischen Metropole führen nicht nur zu solchen skurrilen Blüten. Längst ist jeder Kellerraum und jeder Dachverschlag Londons vermietet. Die durchschnittliche Monatsmiete einer Einzimmerwohnung in London stieg auf zuletzt 1.000 Pfund, das sind 1.500 Euro. Londoner finden zwar leicht Jobs – aber keine passende Wohnung dazu. Die Stadt an der Themse zählt zu den teuersten Städten der Welt. Selbst Gutverdiener müssen sich entweder mit kleinen Wohnungen begnügen – oder aber stundenlange Pendelei mit Vorortzügen auf sich nehmen, die auch nicht gerade in dem Ruf stehen, günstig und zuverlässig zu sein. Aber auch die Wohnungen im „Greater London“, dem Gebiet rings um London, werden immer teurer: Einer immer stärker steigenden Nachfrage steht ein stagnierendes Angebot gegenüber, denn der Zuzug geht unbegrenzt weiter. Die Mietspirale hat mittlerweile selbst hintere Winkel des Königreichs erfasst und die Durchschnittsmiete für ganz England auf 937 Pfund (etwa 1.400 Euro) ansteigen lassen. Die Tageszeitung The Guardian zeigt in einer interaktiven Graphik die Preisentwicklung Englands seit 1995. Während 1995 lediglich 22 Prozent der Fläche (also die Gegend um London herum) Immobilienpreise aufwiesen, die das britische Durchschnittseinkommen überstiegen, waren es 2014 bereits 91 Prozent. Sprich: Wer ein Durchschnittseinkommen bezieht, kann sich praktisch kein Haus in England oder Wales leisten.

Mietkosten bringen Geringverdiener an die Armutsgrenze

Dem Lockruf Londons folgen nicht nur Tausende von Flüchtlingen, die täglich im französischen Calais auf eine Chance warten, illegal die Grenzabsperrungen zu durchbrechen, auch mehr als 200.000 Deutsche leben im Vereinigten Königreich. Darunter befinden sich sowohl Abenteurer, Studenten und Lebenskünstler, die von ihrem Recht auf europäische Freizügigkeit Gebrauch machen und meist nur wenige Monate bis Jahre bleiben, aber auch Fachkräfte, wie Ärzte, Architekten oder Finanzfachleute befinden sich darunter. Wer nicht ausreichend verdient, fristet sein Dasein mit Nudeln und Baked Beans aus Dosen, weil der Rest für die Miete draufgeht, wie die beiden Deutschen Sixtus P. Faber und Matthias Wühle in Ihrem Buch „Kein Fall für Wachsfiguren“ anhand eigener Erfahrungen berichten. Auch die Bezieher niedriger Einkommen, auf die London ebenso angewiesen ist, wie beispielsweise Polizisten, Krankenschwestern oder Busfahrer geraten durch die Mietsteigerungen zunehmend an die Armutsgrenze. Einige wohlhabende Boroughs haben Obdachlose bereits an den Stadtrand umgesiedelt. 

Londons Millionäre kennen keine Preisgrenzen

Es gibt außerdem eine dritte Gruppe, die es bevorzugt nach London zieht: Es sind die Millionäre, denen die Themsemetropole vor allem als Steueroase dient. Nur Geld, das in Großbritannien verdient wird, muss dort auch versteuert werden. Hinter vorgehaltener Hand wird bereits das böse Wort „Geldwäsche“ kolportiert. Wie dem auch sei: Das kreativ gesparte Geld lässt sich viel besser für Eigentumswohnungen in den Nobelvierteln Knightsbridge, Kensington oder Chelsea ausgeben. Oder sie investieren das Geld gleich in luxuriöse Neubauprojekte, wie dem geplanten Doppelturm am Südufer der Themse, der durch einen gläsernen Pool in luftiger Höhe verbunden sein wird oder den fünfzigstöckigen Aykon Tower, der exklusiv von Versace-Designern eingerichtet werden wird. Bekanntester Londoner Millionär ist wohl der russische Oligarch Roman Abramowitsch, der unter anderem Besitzer des Londoner Fußballklubs FC Chelsea ist. Dieser hatte sich 2008 nach seiner Scheidung von seiner ersten Frau eine 200 Millionen teure, achtstöckige Villa im viktorianischen Stil im Knightsbridge für sich und seine neue Frau ausgebaut. Zu diesem Zeitpunkt galt die Villa als das teuerste Privathaus Großbritanniens. Aber egal ob historisches Reihenhaus in Knightsbridge oder moderner Wohnturm an der Themse: Auf dem Londoner Immobilienmarkt spielt Geld für Millionäre keine Rolle, was sich wiederum negativ auf die Wohnungspreise in ganz London, ja im ganzen Vereinigten Königreich auswirkt. 

Nürnberg: Preisspirale erfasst auch weniger attraktive Stadtteile

Aber sind die schwindelerregenden Preise in London eine Spezialität der Engländer? Ganz sicher nicht. Auch in Deutschland schauen Immobilienexperten mittlerweile besorgt auf die Preisspirale, die besonders in Metropolen, wie München, Frankfurt, Hamburg und Köln in der letzten Zeit stark angezogen haben. Aber auch in der Metropolregion Nürnberg sind die Häuserpreise enorm angestiegen und liegen weit über dem Bundesdurchschnitt. Selbst weniger nachgefragte Nürnberger Stadtteile, wie Langwasser sind mittlerweile von der Preisspirale erfasst worden. Aktuell ist eine Eigentumswohnung am günstigsten am Gibitzenhof zu erwerben. Am teuersten ist ein solcher Erwerb in der Guntherstraße. Ähnlich wie es der Guardian vorgerechnet hat, besteht auch in Deutschland ein immer größeres Missverhältnis zwischen Durchschnittseinkommen und Häuserpreisen. Letztere sind für den Durchschnittsverdiener kaum noch erschwinglich. Besonders deutlich wird dies an der Preisentwicklung in München.

Niedrige Zinsen treiben den Immobilienboom weiter

Ein Grund für diese Entwicklung sind auch die günstigen Kredite aufgrund der europäischen Zentralbankpolitik, die den Leitzins massiv auf nahe Null gesetzt hat. Dadurch können sich Eigenheimbauer auch teure Immobilien finanzieren. Obwohl Finanzierungsexperten vor einer zu geringen Eigenkapitaldecke warnen, werden immer mehr Häuser zu großen Teilen fremdfinanziert – einfach, weil die Zinskosten so niedrig sind, wie nie zuvor. Weil viele Immobilienbesitzer der Zinsentwicklung nicht trauen, ist vor allem auch die Nachfrage nach Forward-Darlehen enorm gestiegen. Wer bereits ein Haus besitzt und einen alten Kredit abzahlt, der in einem Zeitraum von bis zu fünf Jahren abläuft, zahlt lieber die Mehrkosten eines Forward-Darlehens, das ihm das aktuelle Zinsniveau für den Anschlusskredit zusichert, als sich auf das Wagnis steigender Zinsen in Zukunft einzulassen. Aber auch Hausbesitzer, deren Immobilie bereits abgezahlt ist, nutzen das niedrige Zinsniveau für einen Renovierungskredit, wie die NIB berichtete. Denn durch Ausbauten von Dach, Veranda oder Keller oder durch Verschönerungsarbeiten an Fassade und Außentreppe lassen sich aktuell zinsgünstig Wertsteigerungen am eigenen Haus erzielen, die sich wiederum in Mietsteigerungen niederschlagen. All diese Möglichkeiten der Immobilienfinanzierung haben dazu geführt, dass erste kritische Analysten bereits von einer Blase sprechen, obwohl der Vergleich zur US-Immobilienkrise von 2007 noch verfrüht erscheint.

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